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Jürgen Becker im Ballenlager






Jürgen Becker im Ballenlager


Jürgen Becker im Ballenlager (WN)
Am Ende stand er da: der Rheinländer Jürgen Becker, auf der Bühne im Ballenlager, mit einem frisch gezapften Kölsch in der Hand. Er hatte es sich redlich verdient nach einem gut zweieinhalbstündigen Parforceritt durch die Geschichte der Kunst, der sich auch mit dem rheinischen Katholizismus, mit „Kölschen“ Kardinälen und mit der FDP beschäftigte.

Der Künstler sei anwesend, konstatierte Becker schließlich, als das 400-köpfige Publikum im Ballenlager ihm frenetisch applaudierte, und hielt den Bilderrahmen in seinen Händen gen Auditorium. Ohne Publikum kein Künstler – das war seine bescheiden anmutende Botschaft. Aber ohne große Künstler auch keine große Kunst, Herr Becker, können wir hier richtig stellen. Jürgen Becker bewies bei seinem KI-Gastspiel am Freitagabend, dass er zweifelsohne zu den Großen der Kabarettszene gehört.

Über Kunst, Kultur und alles andere, was damit zu tun hat, wolle er philosophieren, kündigte Becker an und führte seine Zuhörer zunächst in die Begebenheiten der Kölner Kunstszene ein. Mit herrlich rheinisch-rollendem „R“ umschrieb er die Vernissage als Auflauf der „Lackaffen“, warnte davor, den allzu verschnupften Galeristen der Domstadt ein gutes Näschen zu attestieren und fragte sich, wie viel Drogen die versnobten Kunstkenner einnehmen müssten, um ihre abgehobenen Interpretationen niederzuschreiben. Ganz gefährlich sei es, den Künstler selbst nach dem Sinn des Werkes zu fragen. „Der Künstler ist der Schöpfer. Wie bei Gott darf man ihn allerdings nur anhimmeln, aber bitte nichts fragen“, so Becker, der damit das erste Mal an diesem Abend einen von vielen Bogen von der Kunst zur (katholischen) Kirche schlug.

Schlagen war dann auch das richtige Stichwort, denn mit Max Ernsts provokantem Bild „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen“, auf dem Maria dem nackten Christuskind den Hintern versohlt, startete Becker eine amüsante Bilderschau von der Antike bis zur Moderne. Durch – natürlich erfundene – moderne Betitelungen der alten Kunst schaffte Becker es immer wieder, das politische und gesellschaftliche Geschehen des Jetzt mit der Geschichte zu verknüpfen und trieb seinem vergnügt lauschenden Publikum so Wasser in die Augen. Da wurde ein barockes Nacktbildnis attraktiver Damen zum Betriebsausflug der Hamburg-Mannheimer und die ägyptischen Pyramiden zur hippen Disco, in die nur die „echten Cracks“ reinkommen. Thema waren auch die Geburtstagspartys von Guido Westerwelle, auf denen sich über 800 prominente Gäste tummelten und damit mehr Menschen als die Partei überhaupt an Wählern habe.

An einfachen FDP-Witzen hielt sich Becker aber nicht lange auf: Er schritt lieber fort in der Kunstgeschichte – vom römischen Pantheon, von dem die italienischen Regierungschefs ihren Dachschaden davontragen, über die Griechen, die ob der Finanzen bei der Akropolis Keller, Wände und Dach gleich weggelassen hätten, bis hin zum „Sex-Appeal“ gotischer Kathedralen und Peter Rubens‘ Barockmalerei der Façon „Rationalismus im Speckmantel“. Beachtenswert war dabei die intelligente Art, mit der Becker trockenes Kunst-Fachwissen so erklärte, dass es keinen mehr auf den Sitzen hielt.

Nach einem Exkurs in die Geschichte der katholischen Dreifaltigkeit wendete sich Becker zum Schluss der wahren Funktion der Kunst zu: Der Schönheit und ihrem sexuellen Versprechen, für die „Erhaltung der Art“ zu sorgen. Der bekannte, nach sexueller Befriedigung röhrende Hirsch vorm Alppanorama stehe wie kein anderes Werk für diese unausgesprochene Wahrheit. Wahr sei aber auch, dass Kunst heute alles sein könne: „Ein Pissoir zum Beispiel, bei dem die Grenze zwischen Original und Urinal verschwimmt.“ Zum Glück aber gibt es ja Experten, die uns diesen Unterschied vor Augen führen können. Experten wie Jürgen Becker.