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Akkordeon-Festival im Ballenlager






Akkordeon-Festival im Ballenlager


Die Bemerkung war eigentlich nur beiläufig gemeint, am Ende aber passte sie für den ganzen Abend: „Das geht hier ja zu wie im Zirkus“, scherzte Akkordeonale-Begründer Servais Haanen in einer von diversen Umbaupausen mit Blick auf das rege Bäumchen-Wechsel-Dich auf der Ballenlager-Bühne. Sieben Künstler aus sieben Ländern präsentierten dort am Samstagabend ihre Interpretationen von Akkordeon-Musik.

Und in der Tat hatte das etwas vom Flair des Zirkus, der in seinen Hochzeiten das Fremde und Exotische zu den Menschen brachte. Waren es dort Elefanten und Tiger, holt die „Akkordeonale“, das einzige international tourende Akkordeon-Festival, die exotischsten Ausprägungen eben jenes Instrumentes auf die Bühne. Mal ganz traditionell, mal ganz modern. In jeden Fall aber: faszinierend und mitreißend.

Letzteres kennzeichnete vor allem die Stücke der Brasilianerin Adriana de Los Santos, die gleich zu Beginn mit der flott-fröhlichen Gaucho-Musik von Rodeos und Motorradtreffs einen Hauch von Country übers nahezu ausverkaufte Ballenlager legte. Später am Abend brillierte sie in einem furiosen Duo mit der deutschen Begleitcellistin Johanna Stein. Das Publikum war schon da hin und weg.

Mit dem Applaus haushalten musste es trotzdem, denn nicht nur die Brasilianerin zeigte musikalische Qualität. Der Serbe Jordan Djevic zum Beispiel experimentierte gelungen am E-Akkordeon. Der Iraner Gulam Kerimzade ließ es dagegen ruhiger angehen, beeindruckte dafür aber mit Fingerfertigkeit an den Tasten seiner Garmon, einem kaukasischen Akkordeon-Typ. Heraus kam Witziges wie die Imitation der quietschig hohen Akkordeon-Töne durch die eigene Stimme und dunkle Melancholie, wie man sie vergleichbar aus der Filmmusik mancher Wallander-Krimis kennt.

Ohnehin hatte Traurigkeit ihren Platz. Sei es bei Fado-Gitarrist Rafael Fraga, der das portugiesische Lebensgefühl der Saudade, des ewigen Weltschmerzes, musikalisch gekonnt umsetzte. Oder bei den vielen französischen Liebes-Chansons der Belgierin Raquel Gigot, die etwa Edith Piafs bekanntes „La foule“ ins Akkordeon übersetzte.

Ganz nebenbei erfuhr man dazu passende Anekdoten, erzählt durch Servais Haanen, den Akkordeonale-Chef. Er berichtete vom Bordell der Tante, in der die belgische Kollegin das Akkordeon spielen lernte. Und von seiner Frau, „die meine Stücke und Texte viel besser kennt als ich“, entschuldigte er sich mit Blick auf den knittrigen Spickzettel in seiner Hand. Der zeigte am Samstag aber vor allem eines: Das von manch einem zur Quetschkommode erniedrigte Akkordeon kann weit mehr als bloße Begleitkapelle für den Musikantenstadl zu sein.