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Dr. Martin Dziersk im Ballenlager (Teil 2)






Dr. Martin Dziersk im Ballenlager (Teil 2)


Dr. Martin Dziersk im Ballenlager (WN)
„Von vorne bis hinten auf Lesbarkeit getrimmt“ beteuert der Referent und nimmt ein gut 300 köpfiges Publikum mit auf eine abenteuerliche Reise durch Jahrhunderte der christlichen Ikonographie.

Doch christlich? Mit dem doppeldeutigen Titel „Ich sehe was, was du nicht glaubst“ vermittelt der Künstler, Kunsthistoriker und Kunstlehrer Dr. Martin Dziersk schon einmal, wohin die Reise gehen könnte. Wo auf den ersten Blick das ursprünglich Christliche der Marien-, Christus oder Trinitasdarstellung dem Bild entspringen mag, verweist Dziersk auf die wahren Ursprünge.

Da steht hinter einer Mariendarstellung plötzlich Isis, Göttin der Toten, die den Horos stillt und in Christus sehen wir Alexander den Großen, bei dem der Sonnengott Sol mit seinem Strahlenkranz Pate steht. Harte Fakten, mitunter im ironischen Plauderton serviert. Wie überhaupt das Christentum quasi tonnenschwer auf gänzlich unchristlichen Ursprüngen gründet: Die Kathedrale in Chartres, die auf druidischen Dolmen steht, oder „St. Maria sopra Minerva“, eine römische Kirche, bei der eine Marienkirche auf Göttin Minervas Tempel fußt. Die jungfräulich Empfangende nebst funktionslosem Ehemann Josef kriegt überhaupt bei Bilddeuter Dziersk so ihr Fett ab. Eine Empfängnis auf biologischem Abwegen offeriert er beim Blick aufs vergrößerte Detail verschiedener Mariendarstellungen. Da kann´s mal der Laserpointer sein, der für die wundersame Befruchtung sorgt, oder die Ohrempfängnis, bei der „der kleine Bursche“ per Stab durchs Ohr in den Körper Mariens gelangt.

„Alles schon mal dagewesen“, nimmt Dziersk seinen Zuhörern den Glauben an das Einzigartige. „Noch ein Beispiel gefällig?“, fragt der Lehrer das Auditorium und wirft das Bild einer Liktorengruppe an die Wand, die mit ihrem Rutenbündel – Fasces und Beil – martialisch den römischen Magistraten voranschreitet. Das Bild blendet über in ein christliches Prozessionsmotiv, bei dem die Teilnehmer mit ähnlichen Applikationen ausstaffiert sind. Ist es Gewalt, die uns das Christentum nahelegt?, fragt der Vortragende. In Bildfolgen weist er auf die Ursprünge des christlichen Bischofsstab, eine Darstellung des Nilverlaufs plus Delta, die sich auch in einer Tutanchamun-Darstellung wiederfindet. Harter Tobak für Gläubige, der in der Aussage gipfelt, dass das „Christentum gar nichts kreiert, aber alles adaptiert hat.“

Und so manches Mal fällt es auf dieser Reise den Zuhörern wie Schuppen von den Augen. Etwa als Dziersk das Bild der Veronica an die Ballenlagerwand wirft. Sie nimmt mit dem Schweißtuch das Bildnis Christi auf. Der Name der Heiligen wird zum „telling name“, Veronica zu „vera icon“ – dem wahren Bild.

Der Nachvollziehbarkeit von Bilddeutungen und Thesen entzieht sich der Referent manches Mal durch ein geradezu atemberaubendes Tempo, mit dem er über kunstvolle Umwege, Schleifen, Fußnoten, Zusatzbeispiele, Gedankenklammern und Clipboards die Zuhörer mit auf die Reise durch das gemalte Wort nimmt. Dass dies bei Dziersk stets mit rhetorischer Glanzleistung einhergeht, steigert die Faszination.

Was bleibt? Engagierter Applaus nach zweistündigem Deutungsritt durch die christliche Ikonographie und die starke Vorfreude auf die Fortsetzung von „Ich sehe was, was du nicht glaubst“ am 4. Februar.

 

Dr. Martin Dziersk im Ballenlager (GZ)
„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, heißt es im Volksmund. Dass dem so ist, stellte Martin Dziersk bei seinen Streifzügen durch die christliche Ikonografie (Bildsprache) unter Beweis.

„Ein merkwürdiges Thema“ nannte es KI-Vorsitzender Egon Koling, als er die Gäste im gut gefüllten Ballenlager begrüßte. Bevor Martin Dziersk den Begriff Ikonografie erklärte gab es sicher wenige unter den Zuschauern, die damit vorher etwas anfangen konnten. Danach war alles „sonnenklar“.

Als Dziersk damit begann, einzelne Kunstwerke mit christlichem Hintergrund zu erklären oder zu deuten, gab es lange Gesichter im Publikum. Anhand von exakten Daten stellte Dziersk kurz und bündig fest: „Das Christentum, wie auch alle anderen Religionen sind auf der Astronomie aufgebaut.“ Untermauern konnte Dziersk seine Behauptung anhand astronomischer Fakten. So sind in allen Religionen Herbst- und Frühlingstage und nächte sowie die Sommer- und Wintersonnenwende mit wichtigen religiösen Daten verbunden. Auch die Zeichen der Würdenträger sind keine Neuschöpfung des christlichen Glaubens. So taucht der Bischofstab als Ackerbauzeichen schon bei Tut-Ench-Amun auf und nicht erst beim Nikolaus. So nennt sich der Papst heuten noch Pontifex Maximus, wie alle römischen Kaiser in Doppelfunktion nach Caesars Tod.

Überhaupt stellte sich Martin Dziersk am Freitag als moderner Aufklärer und Entzauberer der Religionen dar. So manch festgefahrener Glaube wurde bis ins Mark erschüttert. „Es war ein intelligenter Trick der neuen (christlichen) Religion, nicht nur Zeichen alter Religionen zu übernehmen, sondern Kirchen an den Plätzen bauen zu lassen, an denen vorher andere Gottheiten verehrt wurden. Auch die jetzt „Dreifaltigkeit“ genannte Grundlage christlicher Religion – Gottvater, Sohn und heiliger Geist – ist nachweisbar ein „alter Hut“. Das gab es schon bei den alten Ägyptern und nicht nur dort. Nur befand sich damals mindestens eine Frau darunter.

Erst 431 nach Christus fiel den Priestern und höheren Würdenträgern auf, dass im „Dreigestirn“ des Christentums nur Männer vertreten waren. Also musste schnell ein weiblicher Part her. Eine Konferenz wurde einberufen und Maria zur Mutter Gottes gemacht. Das Thema war erledigt. Fehlte nur noch das „genormte Gesicht“ Jesu. Auch das wurde laut Dziersk erst viele Jahrhunderte später geschaffen, als Mann mit Bart und langen Haaren.

Die Umstellung des alten Kalenders durch Gregor XIII im Jahr 1582 hatte einen fatalen Fehler. „Seitdem feiern wir Weihnachten drei Tage zu spät. Eigentlich müsste es die Nacht vom 21. auf den 22. Dezember sein. Gregor hat einfach drei Tage unterschlagen. An diesem Abend wurden viele christliche Symbole und Mythen als gar nicht so christlich enttarnt. Die spannende Reise durch die Bilderwelt der Kirchen und Klöster endete gegen 22 Uhr mit sehr viel Beifall des Grevener Publikums.