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Dr. Martin Dziersk im Ballenlager






Dr. Martin Dziersk im Ballenlager


Dr. Martin Dziersk im Ballenlager (WN)

„Alles hat ein Ende.“ Genau, und nur die Wurst hat zwei. Selbst Schlagerbarde Stephan Remmler wusste das, als er in den 80ern diesen Hit komponierte. Der Vanitas-Gedanke, den viele nur aus der Barockdichtung im Deutschunterricht kennen, ist da mal ganz populär umgesetzt. Grevens Kunstapostel Martin Dziersk steht dem in nichts nach: „Alles hat letztlich, manches hoffentlich bald ein Ende“, titelt der promovierte Kunsthistoriker beim Auftakt zu einer weiteren Etappe seiner beliebten Vortragsreihe, die wie immer „System hat“, natürlich, aber auch ein bisschen verrückt daher kommt, na klar.

Verrückt, könnte man meinen, ist bereits der Einstieg, den Dziersk wählt und den diese Zeitung schon vor Vorstellungsbeginn in ihrer Freitagsausgabe formulierte: Ganz schmerzfrei bezeichnete Dziersk da die Aufgaben des diesjährigen Kunstabiturs als „verquirlte Scheiße“. „Und dazu stehe ich auch“, unterstreicht er nochmals vor seiner Gefolgschaft im Ballenlager, um gleich die passende Erklärung mitzuliefern: „Beschreibung, Analyse, Schlussfolgerung – all das hätten die „werten Kunstexperten“ aus Düsseldorf im Zentralabi vollkommen falsch gemacht, erklärt Dziersk. Eine Skulptur Michelangelos sollte dem klassischen Kontrapost – einer Art harmonischer Standposition – zugeordnet und als „ideal proportioniertes Menschenwesen“ eingeordnet werden. Nur: „Alles dafür Nötige findet sich in Michelangelos Figur nicht“, sagt Dziersk. „Abstrus“ findet das der Referent, und schreibt auf seine Vortragsfolie nur noch: „Auaa!!!!“. „Dieser Kulturverfall tut weh und muss ein Ende haben.“ Womit wir wieder beim eigentlichen Thema wären…

Das ist nämlich die angesprochene Vergänglichkeit in Werken von „Holbein, Brueghel und anderen Experten“. Den Beginn macht der erst Genannte, der einen Adligen und einen Kleriker porträtiert. Ganz detailgetreu mit Büchern, Karten und Globen. Als schlaue Männer eben. Der Trick: „Schaut man aus einem 27-Grad-Winkel von der Seite auf das Bild, kommt auf einmal ein Totenkopf zum Vorschein“, weiß Martin Dziersk. „Ein Symbol der Vergänglichkeit, das sagen will: Auch du bist bald dran.“ Galgenhumor. Dass die Zahl 27 ganz nebenbei das Ergebnis von drei hoch drei ist, offenbart die übliche Zahlensymbolik christlicher Trinität.

Auch sonst dreht sich beim redegewandten Referenten vieles um die Kirche und den Papst. Intelligent und gnadenlos entwaffnend nimmt Dziersk so manche Verfehlung auseinander, indem er die passenden Werke heraussucht und sie spielerisch leicht erklärt: In einer niederländischen Babylondarstellung etwa zeigt er Elemente des Kolosseums auf – eine Anspielung auf römische Überheblichkeit beim Bau des Petersdoms. „Den Menschen brachte das nix“, erläutert Martin Dziersk mit einer Ernsthaftigkeit, die ihn umso unterhaltsamer macht: „Kein fließend Wasser, kein Strom, kein Aufzug. So ein Dom ist schlicht unpraktisch.“ Na dann vielleicht wenigstens die Ablässe, mit denen man sich von der Schuld freikaufen kann? Nein, auch daran lässt Dziersk kein gutes Haar, wie einst Brueghel, der die Papst-treuen Dominikaner als Blinde malte, die einer nach dem anderen in den Teich fallen. Aus Dummheit.

Als Dziersk sich Stillleben zuwendet, glaubt man schon, dem Tode entronnen zu sein. Aber nein: Auch das Phallussymbol der Artischocke verwelkt zu einer verkümmerten Frucht. Was man da noch machen soll? „Sich auf den Tod freuen“, wie Dziersks letzte Skulptur, die sich gänzlich aus ihrer fesselnden Erdmaterie befreit und dem Himmel entgegen lächelt. Dann ist Schluss mit lustig, denn auch ein Martin Dziersk unterliegt der Endlichkeit. Bis zum nächsten Mal.