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10.7.2011 – Klassik am Beach






10.7.2011 – Klassik am Beach


Klassik am Beach

Klassik am Beach

Klassik-Konzert in der Emsaue (WN)
Ob die alte römische Schicksalsgöttin Fortuna eine Grevenerin ist? Urteilt man nach dem sonntäglichen Klassik-Open-Air am Ufer der Ems, muss das wohl so sein. Schon Carl Orff, der Komponist, wähnte die Glücksgöttin der Römer auf seiner Seite, als er im Jahre 1935 eine Sammlung mittelalterlicher Lied- und Dramentexte in einem unscheinbaren Katalog eines Würzburger Antiquariats fand und aus ihnen mit der „Carmina Burana“ ein musikalisches Meisterwerk schuf. Eingerahmt von prächtigen Fortuna-Chorälen, die ihm letztlich zu Weltruhm verhalfen.

Zu Weltruhm hat es die Klassiknacht zwar noch nicht gebracht, aber den hiesigen Fans der klassischen Musik scheint Fortuna ebenfalls wohlgesonnen, im wahrsten Sinne des Wortes: Sonnenschein pur gab es am Sonntagabend, dazu einen fast blauen Himmel, und die paar schwarzen Wolken, die sich da ab und zu am Horizont zeigten, hat doch sowieso niemand bemerkt. „Ein gigantisches Konzert“ – das war es, was Sparkassenchef Jörg Münning stellvertretend für die vielen Helfer und Sponsoren dem gespannt wartenden Publikum im fünften Jahr Hoch- und Kleinkultur an den Ufern der Ems versprach. „Weil Sie uns als Zuhörer stets treu geblieben sind“, betonte Münning, ohne unerwähnt zu lassen, welch traumhafte Kulisse der Carmina am Sonntagabend einen würdigen Rahmen gab: Sage und schreibe 1400 Konzertgänger lauschten den insgesamt 200 Musikern des Kaliningrader Staats-Sinfonieorchesters und der vier Laienchöre sowie drei Gesangsolisten unter der Gesamtleitung Harald Meyersicks.

Bevor allerdings das große Musikspektakel der „Carmina Burana“ seinen Lauf nahm, boten die Bühnenakteure erst einmal leichte klassische Kost. Ob des lauen Sommerabends sogar mit Sonnenbrillen ausgestattet, machten sich Streicher und Bläser daran, Johann Strauss bekannte Fledermaus-Ouvertüre gekonnt zu präsentieren. Der Knoten anfänglicher Unsicherheit im Publikum, wann und wo und wie es zu klatschen galt, war schließlich schnell durchschlagen. Und auch fürs Auge wurde viel geboten: Da schlüpfte Bariton Michael Nonhoff etwa fix ins Friseurkostüm, um dem Eindruck des verrückten Barbiers aus der Bassarie aus Rossinis „Barbier von Sevilla“ gerecht zu werden. Oder Dirigent Harald Meyersick führte Sopranistin Daniela Stampa auf die Bühne, um nur diese Worte zu verlieren: „Seien Sie gespannt auf ein Kokettenweib, das uns um die Finger wickeln wird“, so Meyersick. In der musikalisch nicht allzu anspruchsvollen, dafür aber soliden Darbietung ließ unter anderem die italienische Tenor-Arie „Nessun Dorma“, gesungen von Michael Pflumm, aufhorchen. Wohl auch deshalb, weil viele die bekannte Hymne der T-Mobile-Werbung des Briten Paul Potts wiedererkannten. Zu dem Münsteraner Pendant Michael Pflumm nur so viel: „Der Kerl sieht nebenbei auch noch gut aus“, witzelte Harald Meyersick nach dem Auftritt auf amüsante Art und Weise. Er führte sein Publikum stets souverän und unterhaltsam durch den Abend, der erst im zweiten Konzertteil seinen Höhepunkt finden sollte.

Wo nämlich in der Pause bei Wein und Weizenbier noch geplauscht und getuschelt wurde, wandelte die Wucht, mit der die Chorsängerinnen und -sänger die lateinisch-altfranzösischen und mittelhochdeutschen Verse der Kantate „Carmina Burana“ dahinschmetterten, die gelöste Atmosphäre in ein einziges, mächtiges Staunen. „Hier kann man Musik nicht nur hören, sondern erleben“, sagte Egon Koling von der Kulturinitiative. Und tatsächlich: Monumental, archaisch anmutend, inszenierten die Orchestermusiker aus Kaliningrad im Zusammenspiel mit den Chören ein beeindruckendes Klangerlebnis, das auch kleine Unsicherheiten im Gesang sowie eine durchschnittliche Tonqualität wett machte. Kunstvoll: Die Passagen, in denen die Streicher im Stile moderner Musik diverse Male ein gekonntes „Sprint-Pizzicato“ dahinlegten oder mit allen Kräften die dunkle Dramatik ebenso wie die Zierlichkeit langsamerer Abschnitte musikalisch überzeugend umsetzten.

Nach dem Schlusschoral gönnte sich das Publikum nur einen kurzen Moment der Stille, ehe stehende Ovationen frenetischer Applaus folgten.