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Storno im Ballenlager






Storno im Ballenlager


Unbedingt. Muss man gesehen haben. Weil lautloses Nachlesen am Frühstückstisch nicht halb so viel Spaß macht wie das Live-Erlebnis im Ballenlager. Alle Jahre wieder säbelt Storno (Thomas Philipzen, Jochen Rüther und Harald Funke) dort mit scharfem Seziermesser die Kalamitäten aus Politik, Sport und Gesellschaft in Appetithäppchen aus niveauvollen Kalauern, infernalischen Schreckensszenarien und staubtrocken-mimischer Parodie. Und auch, wenn das spaßige Kabarett-Trio dem Jahr 2015 das schauderhafte Prädikat „Brrrrr!“ verpasst – wenn Harald Funke am Schluss der zweieinhalbstündigen Lachparade die Merkel-Raute formt, ist alles, na gut: fast alles wieder gut.

Bis dahin fahren die drei den Dummen, Dreisten und Hochfahrenden kritisch, krachend und manchmal auch richtig doof an die Karre. Schonungslos, wie dieser Gruß zum 70. Geburtstag der CDU: „Nur das Land, wo Inzucht waltet, wird von dir gestaltet.“ Schräg und schräger auch der Blick zurück in alte Hippie-Zeiten, in denen sich Besserwisser Jochen Rüther verklärt nach Reckenfeld träumt, wo er damals nackt und kiffend auf einem Baum hockte.

Zu schräg? Es gab auch herzige Szenen, zum Beispiel aus den unschuldigen 70ern, von denen Thomas Philipzen schwärmt, wenn er an Pril-Blumen und Prickel-Pit und an Ahoi-Brause denkt: „Haben Sie die schon mal durch die Nase gezogen – das kommt sowas von Wow!“ Donnernden Zwischenapplaus kriegte der Schnellsprecher des Trios immer wieder für seine Höchstgeschwindigkeitswitzeleien, für die er die Dieter-Thomas-Heck-Gedächtnismedaille verdient hätte. Am Bande. Mindestens am Bande.

Und zwischendurch wuselt sich Harald Funke nach vorne und lebt seine Rolle als treuherzige Rampensau aus; glänzend seine mit drolliger Mimik untermalten Hiebe auf den Fifa-Skandal im Stil eines Radioreporters: „Beckenbauer schickt lange Überweisungen per Außenrist an Blatter, Ball wieder auf Niersbach, der steht frei, geht zu Zwanziger – und tritt zu . . .“

Eine sprechende Barbie-Puppe, die zur nervenden Stasi-Tussi wird, goebbelnde Breitseiten auf Helikopter-Eltern („Wollt ihr das totale Kind?“), der Ruf nach einem Auswanderungsgesetz für Nazis („In Syrien wären noch Wohnungen frei.“), Klimawandel, VW-Skandal, Familienkonferenz der Bischöfe („Is doch schön, da lernt man deren Frauen auch mal kennen!“), der Thermomix und Computer-Chips in der Unterhose – alles, na gut: fast alles wird durch die satirische Mangel gedreht.

Und dann als Schlussakkord die Angie-Dämmerung als düstere Wagner-Oper, in der Seehofer als „Horst von Tronje“ und sein Kettenhund Söder der Kanzlerin (Funke mit ober-alberner Kanzlerinnen-Perücke) an die Wäsche wollen. Muss man gesehen haben. Unbedingt.